Tarifpolitik
Reportage Stahltarifrunde 2011
Vorspann
Einen neuen Tarifvertrag zu verhandeln ist wie Kuchen backen – es braucht die richtigen Zutaten: gute Argumente, gut organisierte Belegschaften und eine gute Portion Verhandlungsgeschick. In der Stahltarifrunde 2011 war alles dabei. Ein Blick in die Backstube.
„Kluschi“, ruft der Mann am Grill und hält eine frisch gebratene Wurst hoch, „wat is mit Lecker?“ Kluschi greift zu, drückt einen Klecks Senf auf die Bratwurst und lässt es sich schmecken.
Vor der Waschkaue von Arcelor Mittal im Duisburger Süden haben die IG Metall-Vertrauensleute ein Transparent aufgespannt: „Heute Infostand“. Es ist Mitte November 2011, Mittag: Schichtwechsel, ein Kommen und Gehen, die Stimmung ist locker. Die Sonne wirft harte Schatten.
Vor vier Wochen hat die IG Metall-Tarifkommission für die 75 000 Beschäftigten der nordwestdeutschen Stahlindustrie ihre Forderungen beschlossen: Sieben Prozent mehr Geld, die unbefristete Übernahme der Ausgebildeten und eine bessere Altersteilzeit.
Luigi Costanza, 59, Sprecher der Vertrauensleute von Arcelor Mittal in Duisburg, ist Mitglied der Tarifkommission. Der gebürtige Sizilianer und gelernte Elektromechaniker ist seit seiner Ankunft in Deutschland 1969 Mitglied der IG Metall. Er ist hier am Standort bekannt wie ein bunter Hund: seit 22 Jahren IG Metall-Vertrauensmann, seit 16 Jahren ihr Sprecher. Ein überzeugter Gewerkschafter: „Allein“, sagt er, „schaffst du nix.“
- die folgenden beiden Absätze werden neben den Text gestellt, sie haben erklärenden Charakter:
Lohnforderungen saugt sich niemand aus den Fingern. Bei ihrer Aufstellung spielt dreierlei eine Rolle: der gesamtwirtschaftliche Produktivitätsfortschritt, die Inflationsrate (beides ist der sogenannte verteilungsneutrale Spielraum) und die „Umverteilungskomponente“. Gemeint ist die Umverteilung von oben (Gewinnen) nach unten (Löhnen).
Jede große Tarifrunde braucht ein Motto. Das der Stahltarifrunde lautet heuer: „Wer mehr Wert schafft, hat auch mehr verdient!“ Das passt. Der Stahlindustrie geht’s gut. Es macht Spaß, dem Präsidenten der Wirtschaftsvereinigung Stahl zuzuhören. Der Stahlmarkt besitze eine „außergewöhnlich hohe Dynamik“, sagt der Mann. Und die Perspektive für 2012 sei „mit einer Wachstumsaussicht verbunden“. Die Auftragsbücher der Kunden – Auto- und Maschinenbauer – sind voll, die Rohstahlproduktion von 2011 wird die von 2010 übertreffen.
Jammern gehört zum Geschäft, also gibt sich der Arbeitgeberverband Stahl pessimistisch: Deutschland stehe am Rand der Rezession, behauptet er in der ersten Tarifverhandlung. Oliver Burkhard, der IG Metall-Bezirksleiter von NRW und Verhandlungsführer für die Stahlindustrie, nimmt das Krisengerede der Arbeitgeber auf den Arm: „Hilfe, wir wachsen nicht mehr zweistellig!“ Die Zukunft schwarz malen und mit beiden Händen das Portemonnaie festhalten, „auf diesen simplen Tariftrick der Arbeitgeber fallen wir nicht herein“, sagt Burkhard. Auch weniger Wachstum bleibe Wachstum.
Gleichwohl: Die Euro-Schuldenkrise beherrscht die Schlagzeilen. Das macht selbst Männer wie den Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann irre: Erst sagt er, es gebe keine Rezession – und ein paar Tage später warnt er vor der großen Krise. Fakt ist: Die Konjunkturzyklen schwanken stärker als früher. Sicher ist nur die Unsicherheit der Märkte.
Die zweite Tarifverhandlung geht ebenfalls ergebnislos über die Bühne. Die IG Metall ruft deshalb zum Warnstreik auf – und über 17.000 Beschäftigte aus 55 Betrieben legen die Arbeit nieder.
Die Frühschicht von Arcelor Mittal in Duisburg-Süd macht mit. Es ist 6 Uhr, Vollmond, erst in anderthalb Stunden geht die Sonne auf. Und es ist kalt, der WDR-Wetterbericht meldet vier Grad. Vor dem Pförtnerhäuschen von Arcelor Mittal stehen zwei Busse mit laufendem Motor. Luigi Costanza, der Sprecher der IG Metall-Vertrauensleute im Werk, verteilt rote Kappen mit IG Metall-Logo. „Jetzt geht’s lo-hos“, ruft jemand gähnend. Für Azubi Nico Ragusa, 16, ist es der erste Warnstreik. Selbstverständlich nimmt er teil. „Es geht ja hauptsächlich um uns.“ Stimmt. In keiner Stahltarifrunde zuvor haben die Interessen der Jugend eine so große Rolle gespielt wie in dieser.
Vor Tor 9 von Thyssen-Krupp Steel in Duisburg-Süd versammeln sich 1200 Beschäftigte der umliegenden Stahlbetriebe. Zwischen zwei hohen Stangen leuchtet weithin sichtbar die Entgeltforderung als Lichterkette: 7 %. Im Zelt gibt’s Kaffee und Brötchen mit warmer Fleischwurst. Vor der Bühne – der Ladefläche eines Lasters – entzündet jemand ein Bengalisches Feuer: grell-rote Flammen zischen, weißer Rauch steigt auf. Ein anderer schwenkt eine große schwarze Fahne mit gelber Aufschrift: „Übernahme: unbefristet“. Uli Kimpel, der Betriebsratsvorsitzende der Hüttenwerke Krupp Mannesmann, ist der erste Redner: „Die Hütte steht!“
Auch im Duisburger Norden ruht die Produktion. Ebenfalls in Bochum und Siegen, in Bremen, im niedersächsischen Salzgitter, im hessischen Dillenburg und anderswo. Tags zuvor gab’s Warnstreiks in Dortmund, Düsseldorf, Krefeld, Witten und in Georgsmarienhütte bei Osnabrück. Das Tarifgebiet ist groß; es umfasst Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, Bremen und Dillenburg/Hessen.
Noch immer gibt es kein Arbeitgeberangebot. Der Arbeitgeberverband spielt auf Zeit. In ein paar Tagen soll die dritte Verhandlung stattfinden.
Luigi Costanza erwartet davon nicht viel: „Die Arbeitgeber werden ein kleines Angebot machen und uns nach Hause schicken, die Stimmung testen.“ Costanza hätte kein Problem damit, die Kollegen ein zweites Mal zum Warnstreik aufzurufen. 99 Prozent der 200 Beschäftigten hier sind Mitglied der IG Metall.
Von den Auszubildenden glaubt so recht niemand, dass die Forderung nach unbefristeter Übernahme für alle und sofort durchsetzbar ist. Falls doch, würde er „ein Wochenende lang Party feiern“, sagt Azubi Jan Möhren, 20. Die Partylaune von Ricardo Andriejewski wäre noch größer: „Eine Woche lang!“ würde er feiern, ruft der 17-Jährige. Jans Kommentar: „Der muss immer übertreiben.“ Für René Jakubowski, 20, ist die unbefristete Übernahme schlicht „der Jackpot“ – „was Besseres gibt’s nicht“.
Zur dritten Tarifverhandlung im Düsseldorfer Hilton reisen am 21. November mehrere hundert Beschäftigte an. Es stehe „Spitz auf Knopf“, ruft IG Metall-Bezirksleiter Oliver Burkhard ins Mikrophon. Das ist jetzt mehr als eine Redensart. Burkhard ist – trotz aller Vorgespräche mit dem Arbeitgeberverband – skeptisch, ob diese Nacht ein Abschluss zustande kommt. Zu recht; die WAZ schreibt anderntags, die Arbeitgeber seien „jetzt schon bedient“. Die Zeitung skizziert die Stimmung der Arbeitgeber so: „Dieser Burkhard will mal wieder ein Exempel statuieren. Letztes Jahr gleiche Bezahlung für Leiharbeiter, diesmal unbefristete Übernahme der Azubis“.
Eigentlich dürfte das kein Problem sein. Jetzt schon werden alle Azubis übernommen. Allerdings hat niemand einen Anspruch darauf. Das bestimmen die Arbeitgeber ganz allein. Und diesen Herr-im-Hause-Standpunkt aufzugeben – das fällt schwer.
Die Verhandlung beginnt um 17 Uhr. Erst ein Gespräch unter vier Augen – Burkhard mit Helmut F. Koch, dem Verhandlungsführer der Arbeitgeber. Dann verhandeln beide Seiten 5:5. Immer wieder wird unterbrochen, berichtet Burkhard der Verhandlungskommission im Rheinlandsaal C. Die Arbeitgeber seien jetzt erst – zur dritten Verhandlung – komplett. Die meisten von ihnen beschäftigten sich jetzt erst mit den Tarifforderungen. Und manche sähen die IG Metall gerne scheitern.
Um Mitternacht ist die Situation beängstigend. Scheitern die Verhandlungen? Was brächte ein Streik? Wer ginge als Sieger vom Platz, wer als Verlierer? Ein Arbeitskampf unterm Weihnachtsbaum – keine attraktive Perspektive.
Jetzt nicht die Nerven verlieren… Doch wie kriegt man die Kuh vom Eis? Die Arbeitgeber lehnen die unbefristete Übernahme prinzipiell ab, die IG Metall will sie – auch prinzipiell. Mit einer unbefristeten Übernahme ab dem Ausbildungsjahr 2012 kann sie sich nicht zufrieden geben. Sie würde alle Azubis vor den Kopf stoßen, die sich dafür seit langem einsetzen – mit der „Operation Übernahme“, dem Jugendaktionstag am 1. Oktober 2011 in Köln und den Warnstreiks in der Stahlindustrie.
Um 1:08 Uhr stellt Oliver Burkhard im Rheinlandsaal C drei Kaffeebecher vor sich auf den Tisch und erklärt der Verhandlungskommission die Kompromisslinie: Becher 1 steht für alle Azubis, die ab 2012 ihre Ausbildung beginnen – sie werden unbefristet übernommen. Becher 2 steht für das erste, zweite und dritte Ausbildungsjahr: Hat das Unternehmen für diese Azubis später Bedarf, werden sie unbefristet übernommen; ist das ausnahmsweise nicht der Fall, werden sie für zwölf Monate übernommen (bisher gar nicht). Becher 3 steht für die Azubis, deren Ausbildung im Januar 2012 endet – sie werden für mindestens 24 Monate übernommen (wie bisher). Und wer sich schon in dieser 24-monatigen Übernahme-Phase befindet, wird ebenfalls unbefristet übernommen.
Die Metaller sind einverstanden; die Arbeitgebervertreter nebenan nicken den Kompromiss zähneknirschend ab. Sie wollen jetzt nur noch heim.
Um 3:22 Uhr berichtet Oliver Burkhard den letzten Verhandlungsstand: 3,8 Prozent mehr Geld für die kommenden 15 Monate und die Verpflichtung, bis Februar 2013 neue Ausstiegsmodelle für ältere Beschäftigte zu verhandeln. Mehr ist nicht drin.
Luigi Costanza schläft in dieser Nacht schlecht. Er schreckt hoch, als um 4:15 Uhr sein Handy summt. Die IG Metall teilt per SMS das Verhandlungsergebnis mit: „3,8 % mehr Geld. Unbefristete Übernahme für Azubis…“ Costanzas erste Reaktion: „Die Tariferhöhung ist schon gut, die unbefristete Übernahme aber toppt alles.“
Das sieht die Tarifkommission ganz ähnlich, die um 10 Uhr in der IG Metall-Bezirksleitung Düsseldorf zusammentritt. Oliver Burkhard entschuldigt seine Stimme: „Ich bin nicht verschnupft, nur erkältet.“ Ein nettes Bonmot, aber falsch. Burkhard ist sauer. Auf die Arbeitgeber im Allgemeinen und die Arbeitsdirektoren im Besonderen (Arbeitsdirektoren sind Gewerkschaftsmitglieder und genießen das besondere Vertrauen der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat – sie können nicht gegen deren Willen in den Vorstand ihrer Firma berufen werden). Sie hätten, berichtet Burkhard, den heftigsten Widerstand gegen die unbefristete Übernahme geleistet.
3,8 Prozent seien „ein ordentliches Plus“, sagt Burkhard. Und darauf, dass die unbefristete Übernahme erstmals tarifvertraglich vereinbart worden ist, sei er „ein bisschen stolz“. Die Tarifkommission quittiert seinen Bericht mit spontanem Applaus. Kommissionsmitglied Costanza ist überzeugt: Die unbefristete Übernahme wird Tarifgeschichte schreiben – „und darauf bin ich mächtig stolz“.
Jetzt wird das Verhandlungsergebnis in den Betrieben diskutiert. Acht Tage später tagt die Tarifkommission erneut und stimmt darüber ab. Es wird mit 54 zu 7 Stimmen
angenommen. Die Stahltarifrunde 2011 ist beendet.
Hier im Anschluß die passenden bildlichen Eindrücke aus dieser Stahltarifverhandlung.